Mit dem 1. August tritt bundesweit der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Kinder der ersten Klassenstufe in Kraft. Wir als Linke Hessen begrüßen diesen Schritt ausdrücklich. Ein guter Ganztag kann Bildungschancen verbessern, Familien entlasten und Kindern mehr Zeit für gemeinsames Lernen, Bewegung, Kreativität und Erholung eröffnen.
Doch ausgerechnet zum Start des Rechtsanspruchs mehren sich die Warnungen, dass Hessen auf die Umsetzung vielerorts nicht ausreichend vorbereitet ist. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Hessen warnt vor einer Mangelverwaltung und fordert einen hessischen Bildungsgipfel. Diese Forderung unterstützen wir ausdrücklich. „Jetzt beginnt der Praxistest. Entscheidend ist nicht, ob ein Platz auf dem Papier vorhanden ist, sondern welche Qualität Kinder tatsächlich vorfinden. Wir werden die Umsetzung deshalb sehr genau beobachten“, erklärt Silvia Hable, stellvertretende Landesvorsitzende.
Besonders kritisch sehen wir die Finanzierung des Ganztags. Der Bund hat den Rechtsanspruch geschaffen und beteiligt sich an den Investitions- und Betriebskosten. Einen erheblichen Teil der laufenden Kosten tragen jedoch weiterhin Länder und Kommunen. Kommunale Spitzenverbände kritisieren seit Jahren, dass die Finanzierung dafür nicht ausreicht.
Gerade finanzschwache Kommunen geraten dadurch unter Druck, dort zu sparen, wo sie bislang eigene Mittel einsetzen. Davon sind vor allem Horte, Schülerläden und andere außerschulische Betreuungsangebote betroffen, die bisher von Kommunen, Kirchen oder freien Trägern mitfinanziert werden, die ebenfalls alle unter Kürzungen leiden.
Es droht, dass bewährte pädagogische Angebote nicht deshalb verschwinden, weil sie schlechter wären, sondern weil sie für die Kommunen teurer sind als schulische Ganztagsangebote. Gleichzeitig zeigen sich bereits die ersten Folgen der Umstellung. In einzelnen Kommunen werden Betreuungszeiten verändert, Angebotsstrukturen umgebaut und Eltern stärker an den Kosten beteiligt. In Frankfurt werden im Zuge der Neuorganisation des Ganztags künftig teilweise Elternbeiträge erhoben, die bislang nicht anfielen. Der Rechtsanspruch darf weder zu höheren Belastungen für Familien noch zum Abbau bewährter pädagogischer Strukturen führen.
Auch die Voraussetzungen für einen guten Ganztag stimmen vielerorts noch nicht. Es fehlen qualifizierte Fachkräfte, geeignete Räume, Mensen sowie Platz für Sport, Kultur und kreative Angebote. Unterschiedliche Tarifbedingungen, Ausgliederungen und schlechte Arbeitsbedingungen verschärfen den Fachkräftemangel zusätzlich. Wenn immer weniger Beschäftigte immer mehr Kinder betreuen müssen, leiden darunter Beschäftigte und Kinder gleichermaßen.
„Ein Rechtsanspruch allein schafft noch keinen guten Ganztag. Kinder brauchen mehr als Aufbewahrung. Sie brauchen Zeit für Bildung, Bewegung, Kreativität, kulturelle Angebote, soziale Beziehungen und Erholung. Ganztag darf nicht allein dazu dienen, Eltern eine längere Erwerbstätigkeit zu ermöglichen. Er muss Kindern Freiräume eröffnen, ihre Persönlichkeitsentwicklung stärken und echte Teilhabe ermöglichen.“ ergänzt Hable, in deren Heimatstadt Witzenhausen ebenfalls ein außerschulischer Hort eingespart werden soll.
Wenn aus Qualitätsmangel und Sparzwängen am Ende nur möglichst viele Kinder möglichst günstig betreut werden oder bewährte Horte und Schülerläden verschwinden, weil Kommunen sie sich nicht mehr leisten können, ist das nicht der Ganztag, den wir versprochen haben. Der Wohnort oder die Finanzkraft einer Kommune dürfen nicht darüber entscheiden, welche Bildungs- und Entwicklungschancen ein Kind erhält“, so Hable.
Die Linke Hessen fordert die Landesregierung auf, die Warnungen der GEW ernst zu nehmen und kurzfristig einen Bildungsgipfel mit Kommunen, Gewerkschaften, freien Trägern und Elternvertretungen einzuberufen. Hessen braucht eine auskömmliche Finanzierung der Betriebskosten, verbindliche Qualitätsstandards, gute Arbeitsbedingungen und den Erhalt bewährter außerschulischer Angebote. Nur so wird aus dem Rechtsanspruch ein echter Fortschritt für Kinder und Familien.



